Gedanken zur 6. Fastenwoche

Der Tod und der Gänsehirt

Einmal kam der Tod über den Fluss, wo die Welt beginnt. Dort lebte ein armer Hirt, der eine
Herde weißer Gänse hütete.

„Du weißt, wer ich bin, Kamerad?“ fragte der Tod.
“Ich weiß, du bist der Tod. Ich habe dich auf der anderen Seite hinter dem Fluss oft gesehen.“
„Du weißt, dass ich hier bin, um dich zu holen und dich mitzunehmen auf die andere Seite des Flusses.“
„Ich weiß, aber das wird noch lange sein.“
„Oder wird nicht lange sein. Sag, fürchtest du dich nicht?“
„Nein“, sagte der Hirt. „Ich habe immer über den Fluss geschaut, seit ich hier bin, ich weiß, wie es dort ist.“
„Gibt es nichts, was du mitnehmen möchtest?“
„Nichts, denn ich habe nichts.“
„Nichts, worauf du hier noch wartest?“
„Nichts, denn ich warte auf nichts.“ 
„Dann werde ich jetzt weitergehen und dich auf dem Rückweg holen. Brauchst du noch etwas, wünscht du dir noch was?“
„Brauche nichts, hab´ alles“ sagte der Hirt. „Ich habe eine Hose und ein Hemd und ein Paar Winterschuhe und eine Mütze. Ich kann Flöte spielen, das macht mich lustig. Meine Gänse verstehen nicht viel von Musik.“
Als der Tod nach langer Zeit wiederkam, gingen viele hinter ihm her, die er mitgebracht hatte, um sie über den Fluss zu führen. Da war ein Reicher dabei, ein Geizhals, der Zeit seines Lebens wertvolles und wertloses Zeug an sich gerafft hatte: Klamotten, auch Gold und Aktien und fünf Häuser mit etlichen Etagen. Der Mann jammerte und zeterte: „Noch fünf Jahre, nur noch fünf Jahre hätte ich gebraucht, und ich hätte noch fünf Häuser mehr gehabt. So ein Unglück, verfluchtes!“ Das war schlimm für ihn. Ein Rennfahrer war unter ihnen, der Zeit seines Lebens trainiert hatte, um den großen Preis zu gewinnen. Fünf Minuten hätte er noch gebraucht bis zum Sieg. Da erwischte ihn der Tod.
Ein Berühmter war dabei, dem ein Orden gefehlt hatte, nur ein einziger Orden, für den er Jahre aufgewendet hatte, da holte ihn der Bruder Tod. Das war schlimm für ihn. Dann war da ein junger Mensch, der hatte an seiner Braut gehangen, denn sie waren ein Liebespaar gewesen, und keiner konnte ohne den anderen leben. Ein schönes Fräulein war dabei mit langen Haaren. Und viele Reiche, die jetzt nichts mehr besaßen, und noch mehr Arme, die jetzt auch nicht das besaßen, was sie gerne hätten haben wollen.
Ein alter Mann war freiwillig mitgegangen. Aber auch er war nicht froh, denn siebzig Jahre waren vergangen, ohne dass er das bekommen hatte was er hatte haben wollen. Schlimm für sie alle.
Als sie an den Fluss kamen, wo die Welt aufhört, saß dort der Hirt. Und als der Tod ihm die Hand auf die Schulter legte, stand er auf, ging mit über den Fluss, als wäre nichts, und die andere Seite hinter dem Fluss war ihm nicht fremd. Er hatte Zeit genug gehabt, hinüberzuschauen, er kannte sich hier aus, und die Töne waren noch da, die er immer auf der Flöte gespielt hatte; er war sehr fröhlich. Das war schön für ihn.
Was mit den Gänsen geschah? Ein neuer Hirt kam.

                                                                                                                                     (Horst Eckert)

Die Erzählung erinnert uns daran, dass unser Leben endlich ist und dass wir alle dazu neigen, im Laufe unseres Lebens Güter und Werte anzuhäufen, die eines Tages – im Angesicht des Todes – wertlos sein werden. Haben wir auf die richtigen Dinge gesetzt? Hat sich unser Egoismus gelohnt? Das Einzige was von uns bleiben kann sind doch Dinge, die wir durch unser Handeln in dieser Welt verändert haben. Hoffentlich zum Positiven und Guten. Gerade die Feier von Tod und Auferstehung Jesu in dieser Woche könnte für uns Gelegenheit sein, über den „Fluss“ zu schauen, uns mit dem vertraut zu machen was uns über den Tod hinaus erwartet und zugesagt ist. Jesus verspricht uns: „Ich gehe also, um einen Platz für euch bereitzumachen“, und „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen“. (Joh 14,2-3). Wir werden also erwartet! Zuvor müssen wir aber noch über unser Leben Rechenschaft ablegen und hoffen dabei auf Gottes Barmherzigkeit. Uns Christen ist die Auferstehung zugesagt, ein Grund zu österlicher Freude.