Gedanken zur 3. Fastenwoche

Ein guter Mensch am Höllentor

Die Hölle war total überfüllt, und noch immer stand eine lange Schlange am Eingang. Schließlich musste sich der Teufel selbst heraus begeben, um die Leute fortzuschicken. „Bei mir ist nur noch ein einziger Platz frei“, sagte er, „den muss der ärgste Sünder bekommen.“

Der Teufel hörte sich die Verfehlungen der Einzelnen an, doch nichts schien ihm schrecklich genug, als dass er dafür den letzten Platz in der Hölle hergeben mochte. Schließlich sah er einen Mann, den er noch nicht befragt hatte. „Was haben sie denn getan?“, fragte er. „Nichts“, antwortete der Mann, „ich bin ein guter Mensch und nur aus Versehen hier“. „Aber sie müssen doch etwas getan haben“, sagte der Teufel, „jeder Mensch stellt etwas an.“
„Ich sah es wohl“, antwortete der Mann, „aber ich hielt mich davon fern. Ich sah, wie Menschen ihre Mitmenschen verfolgten, aber ich beteiligte mich niemals daran. Sie haben Kinder hungern lassen und in die Sklaverei verkauft; sie haben auf den Schwachen herum getrampelt. Überall um mich herum haben Menschen Übeltaten jeder Art begangen. Ich allein widerstand der Versuchung und tat nichts.“ „Absolut nichts?“ fragte der Teufel ungläubig, „sind sie sich völlig sicher, dass Sie das alles nur mit angesehen haben? – „Vor meiner eigenen Tür“, sagte der Mann. – „Und nichts haben Sie getan?“, wiederholte der Teufel. „Nein!“-„Komm herein, mein Sohn, der Platz gehört dir!“ Und als er den „guten Menschen“ einließ, drückte sich der Teufel zur Seite, um nicht mit ihm in Berührung zu kommen.
                                                                                                                                     (Pedro Calderon)

Eindrücklich weist uns diese Geschichte auf einen Umstand hin, den wir nicht immer vor Augen haben. Wir können schwere Schuld auf uns laden durch Dinge die wir in unserem Leben getan haben, aber auch durch jene, die wir nicht getan haben. Wo wir an unseren Mitmenschen oder auch an Gottes Schöpfung  schuldig geworden sind, weil wir zugeschaut haben und nichts gesagt oder getan haben. Wo wir nicht geholfen haben, obwohl wir Leid und Not gesehen haben; wo wir in Situationen oder zu Anlässen geschwiegen haben, zu bequem oder zu feige waren uns einzumischen oder anzupacken. Wir hätten sicher da oder dort Frieden stiften oder schließen können. Wir hätten nicht alles machen können, aber mit den uns von Gott gegebenen Fähigkeiten hätten wir die Welt besser und lebenswerter machen können. Wir hätten den Menschen nicht mit Misstrauen und Vorurteilen begegnen sollen, sondern einfach offen und mitmenschlich. Was hätten wir nicht alles tun können? Wenn man mit Krankenschwestern und Sterbebegleitern spricht, kann man erfahren, dass Viele am Ende ihres Lebens nicht nur unter angerichtetem Unrecht, sondern gerade unter dem Nichterledigten (zum Beispiel Frieden in der Familie) und  Nichtgetanen (nicht geholfen zu haben) leiden. Es liegt ihnen schwer auf der Seele, sie sprechen es aus, aber es ist nicht mehr zu ändern.
 Wie wird am Ende die Bilanz meines Lebens aussehen?  Wie werde ich dastehen vor Gott und mir selbst. Was wird schwerer wiegen, was ich Gutes getan habe, oder was ich tun hätte können, es aber nicht getan habe?